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Meine Gesundheit

„Ich liebe, was ich esse. Das ist eine gesunde Einstellung“

Für eine gesunde Entwicklung ist eine „artgerechte“ Ernährung in den ersten drei Lebensjahren entscheidend, denn in dieser Zeit werden Kinder auf die richtigen oder falschen Lebensmittel geprägt. Diese These vertritt Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl. Was er unter „artgerecht“ versteht, erklärt er im Gespräch mit MEIN LEBEN.

Lesedauer: 6 Min.

Dr. Riedl, Sie gehen davon aus, dass die frühkindlichen Ernährungsgewohnheiten darüber entscheiden, ob ein Kind später lieber Currywurst oder Salat isst und somit dick wird und Diabetes bekommt oder 100 Jahre alt wird. Lässt sich Ernährung und Gesundheit so eindeutig in einen kausalen Zusammenhang setzen?

Ja, das kann man. In der frühkindlichen Ernährung entsteht eine Prägung fürs Leben und das nicht nur beim Menschen. Wir haben auch eine Analogie bei anderen Primaten. Bei den Orang-Utans ist es so, dass sie in den ersten beiden Lebensjahren lernen, welche 100 verschiedenen Pflanzen im Wald genießbar und welche gefährlich sind. Das Kind lernt von der Mutter, welche Blätter es probieren darf und welche nicht und hält sich dann ein Leben lang daran. Dieses Hinführen zur Nahrung findet auch beim Menschen statt. Wenn ein Kind Gemüse bekommt, dann verdoppelt sich die Chance, dass es ein Gemüseesser wird. Andersherum besteht aber auch die Gefahr, dass Kinder durch eine ungesunde Ernährung auf die falschen Lebensmittel geprägt werden. Kinder lernen durch Imitation, sie wollen so werden wie ihre Eltern. 

Sie benutzen den Begriff der „artgerechten“ Ernährung, was verstehen Sie darunter?

Wenn wir schauen, wie sich unsere Vorfahren ernährt haben, dann war es bis vor zwei Millionen Jahren vegetarisch. Dann kam Beikost dazu, die zunächst aus Insekten, Kleintieren, Eiern oder Aas bestand.  Durch mehr Proteine, Spurenelemente und Vitamine besonders auch aus Eingeweiden kam es  zu einer Zunahme der Gehirnmasse. Heute hat sich das Verhältnis umgekehrt: Wir konsumieren viel Fleisch und Kohlenhydrate, aber zu wenig Gemüse. Bei Naturvölkern ist das nicht so und dort gibt es keine Zivilisationskrankheiten. Optimal ist der Verzehr von 500 Gramm Gemüse pro Tag und rund einem Gramm pflanzliches Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag für einen Erwachsenen. Zu einer artgerechten Ernährung kommen natürlich noch weitere Ernährungsgruppen dazu, wie zum Beispiel Omega-3-Fettsäuren. Das Problem ist, wenn Eltern verpassen, ihr Kind gesund zu ernähren, haben ihre Kinder ein höheres Risiko ADHS zu bekommen, an Diabetes oder Krebs zu erkranken. Sie entwickeln möglicherweise weniger Intelligenz, denn das Gehirn wird auch aus Omega-3-Fettsäuren aufgebaut.  Für Mangelkinder ist das nachgewiesen.

Die Lebenserwartung steigt stetig durch bessere Ernährung und bessere medizinische Versorgung. Wie gut sieht es Ihrer Meinung nach heute um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aus?

Ob die Lebenserwartung steigt oder ein Mensch schon als Kind erkrankt, hängt auch davon ab, in welchem sozialen Milieu er aufwächst und lebt. In sozial prekären Stadtteilen liegt die Lebenserwartung etwa 15 Jahre unter der von einkommensstarken Stadtteilen. Zusätzlich zur Ernährung spielt hier auch der Nikotinkonsum und Bewegungsmangel eine Rolle. Geringere Bildung und schwache Einkommen führen oft zu einer ungesunden Lebensweise. Wir haben eine enorm hohe Zahl fettleibiger Kinder, insgesamt sinkt die sportliche Leistungsfähigkeit und Grundschüler leiden bereits an Zivilisationskrankrankheiten. Es gibt schon Arterienverkalkung bei Kindern. So etwas kommt bei Naturvölkern überhaupt nicht vor. 

Warum sind gerade die ersten 1.000 Tage so wichtig für die gesundheitliche Entwicklung?

Gemüse sollte der Hauptanteil unserer Ernährung sein.
Gemüse sollte der Hauptanteil unserer Ernährung sein.

Abgesehen davon, dass sich Organe, Sinne, Muskeln, Knochen und Nervenzellen von Babys und Kleinkindern in der Frühphase körperlich rasant entwickeln, sind die ersten 1.000 Tage wichtig, weil Kinder in dieser Zeit an die Bandbreite der artgerechten Nahrung herangeführt werden müssen. Es gibt Erwachsene, die kennen keinen Spargel. Oder keine echten Erdbeeren, sondern nur den künstlichen Erdbeergeschmack. Kinder müssen die Brandbreite der natürlichen Geschmäcker entwickeln. Wenn Sie einem Architekten mangelhaftes Baumaterial zur Verfügung stellen, erhalten Sie mangelhafte Stabilität. Zu einer gesunden Ernährung gehört Qualität und Vielfalt. Jeder sollte pro Woche 25 verschiedenen Sorten Gemüse essen. 

Können Sie die häufigsten Fehler bei der Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern beschreiben?

Wer Vater oder Mutter werden will, sollte sich mit seiner eigenen Ernährung auseinandersetzen. Kinder schmecken bereits im Mutterleib mit und lernen ab der Geburt durch Imitation. Nach dem Stillen sollten Eltern die Breie möglichst selbst zubereiten, dadurch vermeiden sie unnötige Mengen an Zucker und Salz. Auch ein wertschätzender Umgang mit dem Kind gehört unbedingt dazu, daher sollten Eltern bei der Ernährung weder Zwang auf das Kind ausüben noch eine Laissez-fair-Haltung einnehmen. Kinder lernen neue Geschmackseindrücke, wenn ihnen neue Lebensmittel immer wieder angeboten werden. Zu ihrem eigenen Schutz sind Kinder zunächst skeptisch. Deshalb genügt es nicht, ein Gemüse einmal anzubieten und wenn es auf Ablehnung stößt, sofort vom Speiseplan zu streichen. Wenn Eltern immer wieder etwas Neues präsentieren, entwickelt sich mit der Zeit eine Toleranz. Eltern, die ihr Kind nur von Nudeln und Fischstäbchen ernähren, vernachlässigen ihre Prägungspflicht.

Was ist, wenn ein Kind partout keinen Spinat essen möchte?

Wenn Kinder etwas nach wiederholtem Angebot nicht essen möchten, sollten ihre Eltern das akzeptieren. Denn es ist wichtig, dass Kinder eine positive Einstellung zum Essen entwickeln. Ich liebe, was ich esse. Das ist eine gesunde Einstellung. Jeder kann sein Repertoire erweitern. Und Geschmack verändert sich mit dem Alter und durch Ausprobieren. Eltern sollten niemals mit Süßigkeiten trösten oder belohnen. Und den Satz „Iss deinen Teller leer“, sollten sie auch nicht sagen. Dabei verlernt das Kind auf das eigene Sättigungsgefühl zu hören, was für Menschen mit Übergewicht ein Problem werden kann.

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Wichtig: eine positive Einstellung zum Essen

Ist Muttermilch immer gesünder als Ersatzmilch? In Muttermilch können doch auch Rückstände von Schadstoffen enthalten sein.

Wenn die Mutter nicht drogenabhängig ist, also keinen Alkohol, kein Nikotin oder andere Drogen zu sich nimmt, ist Muttermilch immer das Beste. Muttermilch verringert das Risiko für Krankheiten. Und durch den Kontakt mit der Mutter nimmt der Säugling auch Hautkeime auf, die die Darmflora stärken. Ab dem vierten bis siebten Monat muss aber mit Brei zugefüttert werden. Wegen des hohen Eisenbedarfs braucht das Baby auch Fleisch.

Bei Ihren Rezepten für Babys und Kleinkinder stehen Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte auf der Zutatenliste. Was halten Sie von einer vegetarischen oder veganen Ernährung?

Wenn Eltern ihr Kind vegan oder streng vegetarisch ernähren möchten, müssen sie gut rechnen können. Kinder benötigen eine korrekte Menge an Eiweiß, Vitamin B12 und Zink. Der Mensch war mal Vegetarier, mittlerweile ist der Mensch aber auf die Zufuhr von tierischen Lebensmitteln angewiesen. Wenn man aufgeklärt ist und genug Vitamin B und Proteine zu sich nimmt, ist es ok, sich vegan oder vegetarisch zu ernähren und sogar besser, als ein gemüseloser Fleischesser zu sein.

Welche Menge an Fleisch, Fisch, Eiern und Milchprodukten empfehlen Sie pro Woche?

Ein bis zwei kleine Mengen Fisch und kleine Mengen Fleisch. Das liegt so bei 50 bis 100 Gramm pro Woche für Erwachsene und bei Kindern entsprechend weniger.  Mehrere Eier pro Woche liefern gute Proteine und Vitamin B12 und fermentierte Milchprodukte sind besonders für den Erhalt unserer gesunden Darmflora. Milch würde ich auf 300 bis 500 ml pro Tag für Erwachsene begrenzen.

Wie bewerten Sie überlieferte Rezepte im Vergleich zur heutigen Küche?

Das kommt darauf an. Früher gab es freitags Fisch und am Sonntag einen Braten. Das ist ein gutes Maß. An den anderen Tagen wurde sehr viel Gemüse gekocht. Traditionelle Gerichte sind super, solange sie einen hohen Gemüseanteil haben. Vegetarische Gerichte von heute sind aber besser, als eine deftige und fleischreiche traditionelle Küche.

Dürfen Kinder zwischendurch auch mal Schokolade oder Kekse naschen?

Süßigkeiten sollten auf keinen Fall täglich gegessen werden. Sie sollten als etwas Besonderes betrachtet werden, dass man am Wochenende oder zu besonderen Gelegenheiten isst, zum Beispiel als Nachtisch nach dem Essen. Klare Regeln und Rituale helfen. Wenn man Kinder daran gewöhnt, dass es nach dem Essen ein Stück Schokolade gibt, vermeidet man den Snack zwischendurch. Und nach dem Essen hat man meist weniger Hunger und isst deshalb weniger.

Die zwei Veröffentlichungen von Dr. Riedl zum Thema
Die zwei Veröffentlichungen von Dr. Riedl zum Thema
Zur Person:

Dr. Matthias Riedl ist als Internist in der Ernährungsmedizin und Diabetologie tätig sowie Gründer und ärztlicher Direktor der medicum Hamburg MVZ GmbH, Deutschlands größter Spezialpraxis für Diabetes, Ernährungsmedizin und angrenzende Fachgebiete. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Das Kochbuch der ersten 1.000 Tage – so schenken Sie Ihrem Kind lebenslange Gesundheit“, welches im GU Verlag erschienen ist, 192 Seiten hat und 24,00 Euro kostet. Das Basisbuch dazu ist das Buch „Die Macht der ersten 1.000 Tage“, das ebenfalls im GU Verlag erschienen ist, 272 Seite hat und 19,99 Euro kostet.

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