Vertrauensperson: „Ich möchte, dass Frauen ihre Kinder mit einem guten Gefühl bekommen können“, sagt Sarah Klarer. ©Wüstenrot/marcelkoehler.com

Hebamme Sarah Klarer: „Eine Geburt ist etwas sehr Bodenständiges“

Erschöpfung, Überforderung und schließlich unendliches Glück: Die Geburt des eigenen Kindes ist ein magischer Moment, der das Leben für immer verändert. Die Wiener Hebamme Sarah Klarer ist dabei einfühlsame Begleiterin.

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Extreme gehören für sie zum Alltag: Sarah Klarer ist seit mehr als zehn Jahren Hebamme und erlebt fast täglich Schmerz und Verzweiflung – sowie deren Wandlung innerhalb weniger Stunden in unfassbares Glück. Mehr als 1.400 Kinder hat die Wienerin mit auf die Welt gebracht, keine Geburt wird sie je vergessen. Sarah Klarer betreut die Frauen vor, während und nach der Geburt. In dieser Zeit wird sie deren Verbündete und Stütze, zur Ratgeberin, die in existentiellen Momenten weiter weiß.

„Es ist mir unglaublich wichtig, dass Frauen Vertrauen zu mir entwickeln“, sagt die Hebamme mit den langen braunen Haaren und dem warmen Lachen, und sie ist sich sicher: „Man kann sich noch so sympathisch sein, echtes Vertrauen lässt sich nicht in fünf Minuten aufbauen.“ Für jede Frau, die sie begleitet, ausreichend Zeit zu haben, ist ihr deshalb wichtig. Dingen ihren Lauf zu lassen, ist das wesentliche Element ihrer Arbeit. „Ich möchte, dass Frauen ihre Kinder mit einem guten Gefühl bekommen können“, betont Klarer.

Ort zum Entspannen: In der Filiale in Maria Hilf gibt es neben dem Kursraum auch einen Spa-Bereich. ©Wüstenrot/marcelkoehler.com
Ort zum Entspannen: In der Filiale in Maria Hilf gibt es neben dem Kursraum auch einen Spa-Bereich. ©Wüstenrot/marcelkoehler.com

Der Berufswunsch Hebamme: Aus der Not geboren

Die Wienerin will den Frauen die Geburt ermöglichen, die sie bei ihrem ersten Kind selbst nicht hatte. Mit 17 Jahren bekam sie eine Tochter. „Ich war jung, allein und voller Angst. Es war schrecklich“, erinnert sich die heute 34-Jährige. Die Geburt wird zum beruflichen Schlüsselmoment: „Ich wusste ganz sicher: So soll niemand Kinder bekommen müssen. Das muss sich ändern.“ Damals beschließt sie, Hebamme zu werden.

Kein einfacher Weg, denn die Studienplätze sind begrenzt, sehr begehrt und doch erhält Sarah Klarer einen davon. Drei Jahre dauert das Studium in Wien. „Was mich aber besonders geprägt hat, war das Auslandpraktikum in einem mexikanischen Geburtshaus der Stadt Temixco“, erzählt die Hebamme. „Dort habe ich gelernt darauf zu achten, wo jede Frau ihre besondere Stärke oder Schwäche hat, wo ihre Ressourcen liegen und was ihr Angst macht. Dieses Wissen ist ein unendlicher Schatz, aus dem ich noch heute schöpfe“, betont Klarer.

Eine Erfahrung, die ihr Kraft und Motivation gibt, um 2009 – nach zwei Jahren als festangestellte Geburtshelferin in einer Klinik – den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. „Das war mutig, aber für mich ging es nicht anders.“ In der Klinik betreute Sarah Klarer manchmal drei oder vier Geburten gleichzeitig, Klinikalltag. „Dadurch musste ich die Frauen zwangsläufig unter der Geburt alleine lassen. Ein Zustand, der unhaltbar ist, auch für mich und mein Berufsethos“, erklärt sie. In ihren Worten steckt keine Bitterkeit. Es sind Kraft und Willensstärke, die Sarah Klarer dazu bringen, ihren eigenen Weg zu gehen und ihn ständig zu überdenken.

Mit Liebe zum Detail: Im Geschäft erhalten Frauen alles für das Wochenbett, so auch die Geburtstücher (links), die beruhigend auf das Neugeborene wirken. ©Wüstenrot/marcelkoehler.com
Mit Liebe zum Detail: Im Geschäft erhalten Frauen alles für das Wochenbett, so auch die Geburtstücher (links), die beruhigend auf das Neugeborene wirken. ©Wüstenrot/marcelkoehler.com

Mit beiden Beinen im Leben stehen

Fieberthermometer, Stethoskop und Hörrohr gehören standardgemäß in jeden Hebammenkoffer; eine gute Geburtshelferin bringt außerdem Ehrgeiz, Belastbarkeit, Engagement und Geduld mit. Sarah Klarer hat von allem reichlich. „Ich kann gut und viel arbeiten. Als ich 2009 meine Ordination in Wien eröffnet habe, hatte ich mir zuvor das Geld dafür zusammengespart und brauchte keinen Kredit aufnehmen.“ Neun Jahre später ist die Hebamme Chefin von zehn Mitarbeitern an zwei Standorten, darunter Physiotherapeuten und Stillberater. Vorsorgeuntersuchungen, Geburtsvorbereitungskurse und Nachsorge gehören zu den Aufgaben, denen sich das Unternehmen mit dem Namen „Die Hebamme in Wien“ verpflichtet sieht.

Ein Anker sein

Sarah Klarer ist resolut. Sie weiß, was sie will und das muss sie auch. Etwa vier bis neun Geburten im Monat betreut sie, sowohl bei den Frauen zu Hause als auch in der Klinik. Sie ist dann die Regisseurin der Geburt und gibt den Takt aus Atmen und Pressen vor. „Eine Hebamme zu sein, hat nichts mit Räucherstäbchen, Glaskugeln und Esoterik zu tun, wie vielleicht manche meinen“, erklärt Klarer. „Im Gegenteil: Eine Geburt ist etwas sehr Bodenständiges.“

Gemeinsam mit dem Arzt bildet sie ein Team, sie ergänzt die regelmäßigen Untersuchungen beim Gynäkologen und arbeitet mit ihm im Kreißsaal zusammen. Das ist vor allem dann wichtig, wenn Zwillinge geboren werden oder Komplikationen zu erwarten sind, etwa weil ein Kind in Steißlage liegt. „Zum Glück ist die Medizin heute so weit, dass man durch Ultraschall und Ähnlichem vor Überraschungen meistens gefeit ist“, so die Hebamme.

Vorsorgeuntersuchungen gehören mit zu Sarah Klarers Arbeitsalltag. ©Wüstenrot/marcelkoehler.com
Vorsorgeuntersuchungen gehören mit zu Sarah Klarers Arbeitsalltag. ©Wüstenrot/marcelkoehler.com

Eine Mischung aus Erfahrung und Intuition

Für die Frauen aber ist eine Geburt immer eine besondere, meist eine ganz neue Erfahrung und der Beginn eines anderen Lebens, eines als Familie mit Kind. Hebammen bereiten auf diese tiefgreifende Veränderung vor. „Während einer Schwangerschaft wandeln sich Fragen, Ängste und Vorfreude. Wie erfahre ich nur durch Gespräche. Ich muss individuell reagieren und flexibel sein“, berichtet Klarer. Sie hat Routine darin, sich auf Ungewohntes einzustellen – aus Erfahrung und manchmal aus Intuition:

„Ich weiß noch, dass einmal eine Frau bei mir zur Vorsorge war, nichts deutete auf die schnelle Niederkunft hin, aber ich war unruhig. Während die werdende Mutter noch einkaufen war, bin ich einfach zu ihr gefahren und habe vor der Haustür auf sie gewartet. Als sie ankam, hatten die Wehen schon eingesetzt und eine halbe Stunde später war das Kind da“, lacht die Frau, die vielleicht den schönsten Beruf der Welt hat.

Ratgeberin vor, während und nach der Geburt: Sarah Klarer begleitet die Frauen meist über mehrere Monate. ©Wüstenrot/marcelkoehler.com
Ratgeberin vor, während und nach der Geburt: Sarah Klarer begleitet die Frauen meist über mehrere Monate. ©Wüstenrot/marcelkoehler.com

Der Beginn von etwas Bleibendem

„Jedem Baby, bei dem ich das Glück habe, es mit auf die Welt zu bringen, schreibe ich einen Brief und erzähle, wie Schwangerschaft und Geburt verliefen. Und ich lege ein Foto von dem Kind und mir dazu – schließlich bin ich die Erste, die es in der Hand halten durfte“, sagt Klarer. Eines dieser Kinder hat sie heute wiedergetroffen. Das Mädchen ist jetzt zehn Jahre alt und freut sich mit seiner schwangeren Mutter auf ein Geschwisterchen. „‚Du bist meine Hebamme, du hast mich als Erstes gesehen‘, mit diesen Worten wurde ich stürmisch begrüßt“, berichtet Klarer. „Das macht mich doch ziemlich froh und zaubert mir eine kleine Gänsehaut“, sagt die starke Frau und lächelt.

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